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Abituraufsatz Deutsch von Karl Döhmann

Burgsteinfurt,
den 6. II. 1911
Karl Döhmann


Mit welchem Rechte hat die Geschichte Friedrich II. den Großen genannt?

Disposition
A. Friedrich II. wurde nach dem zweiten schlesischen Kriege als "der Große" begrüßt; die Geschichte hat diesen Beinamen anerkannt.
B. Was berechtigt sie dazu?
I. Wen nennt die Geschichte groß? –
Nur den,
a) dessen Leistungen groß und von nachhaltiger Wirkung sind, und
b) der seiner Persönlichkeit nach diesen Beinamen verdient.
II. Hat die Geschichte danach Recht, wenn sie Friedrich II. den Großen nennt? D.h.
Entsprechen
a) seine Leistungen
a') auf kriegerischem,
b') auf friedlichem Gebiete;
b) seine Persönlichkeit
den genannten Anforderungen?
C. Zweck und Bedeutung des Beinamens "der Große".

Nachdem Friedrich II. im zweiten schlesischen Kriege Schlesien siegreich behauptet hatte, wurde er von seinem Volke mit großer Begeisterung empfangen und als "der Große" begrüßt; und nicht nur das Volk, sondern auch die Geschichte hat diesen Beinamen für Friedrich II. bis auf den heutigen Tag beibehalten, die sich doch als Wissenschaft nicht von irgend einer Begeisterung leiten lassen darf, sondern nur auf Grund möglichst sorgfältiger Nachprüfung des Tatsachenbestandes zu ihren Resultaten gelangt. Sie muß also Gründe beibringen können, warum sie diese Zubenennung Friedrichs II. übernommen hat; und das kann sie am sichersten, wenn sie bei jeder Verleihung eines solchen Titels nach bestimmten, praktisch feststehenden, allgemeinen Grundsätzen verfährt.
Und so werden wir am besten zu einer Antwort auf die gestellte Frage gelangen, wenn wir zunächst diese für die Geschichtswissenschaft hier maßgebenden Grundsätze festzustellen suchen, d.h. die Frage stellen: "Was für Herrscher nennt überhaupt die Geschichte groß?"
Um das festzustellen, müßten wir alle Herrscher, die diesen Beinamen bekommen haben, aufzählen und ihre gemeinsamen Merkmale aufsuchen. Da würden wir finden, daß nur diejenigen groß genannt worden sind, deren - meist kriegerische - Leistungen nicht nur für den Augenblick groß erschienen, sondern auch eine längere Periode der Folgezeit hindurch deutlich spürbar sind, derart, daß man vielfach das ganze Zeitalter nach diesem Herrscher benennen und dadurch charakterisieren kann. Diese Folgen brauchen nicht notwendig kriegerischer oder politischer Art zu sein, sondern sind z.B. oft kultureller Art, wie bei Alexander dem Großen.
Andererseits verdient nur der Herrscher die Auszeichnung dieses Beinamens, der auch als Mensch, als Persönlichkeit wirklich hervorragt, von dem man also behaupten darf, daß er in der Welt auch etwas Tüchtiges geleistet haben würde, wenn er nicht durch die Geburt zum Herrscheramt bestimmt wäre, eine Forderung, durch die verhindert wird, daß etwa ein Herrscher um solcher Taten willen der Große genannt wird, die an sich zwar groß erscheinen und wirkungsreich sind, die es aber lediglich dem glücklichen Zusammentreffen äußerer Umstände und dem Zufall verdankt, daß er in Purpur geboren ist.
Das sind die Gesichtspunkte, von denen die Geschichte bei der Verleihung des Beinamens "der Große" ausgeht, von denen also auch wir ausgehen müssen, wenn wir entscheiden wollen, ob dieser Beiname bei Friedrich II. gerechtfertigt ist oder nicht.
Es wäre also zunächst die Frage zu stellen und zu beantworten, ob die Leistungen des Preußenkönigs im Sinne des angegebenen wissenschaftlichen Prinzips genügend Grund sind, ihn den Großen zu nennen. Dabei läßt es sowohl der Umstand, daß die kriegerischen Leistungen Friedrichs der Anlaß zu dieser Namengebung waren, als auch die Tatsache, daß sie überhaupt unter den Gründen zu einer solchen Auszeichnung eine hervorragende Stellung einnahmen, berechtigt erscheinen, ihrer Behandlung auch hier einen Sonderplatz einzuräumen.
Da ist es zunächst Friedrichs strategisches Genie, das ihn seine glänzendsten Siege erfechten ließ: seinen größten Sieg, den bei Beuthen, hatte er weniger der absoluten Stärke seiner Truppen, sondern hauptsächlich jener "schiefen Schlachtordnung" zu verdanken, die schon Epaminondas in der Schlacht bei Leuktra in ähnlicher Form und mit gleichem Erfolge angewandt hatte. Friedrich besaß ferner die Fähigkeit, die zur Truppenführung Geeigneten zu erkennen und ihre Begabung auszunutzen.
Und selbst durch die Umkreisungspolitik Oesterreichs aller Verbündeten beraubt, gelang es ihm doch, sich durch die schwersten Kriegsjahre des Siebenjährigen Kriegs, wenn auch mit vielen Verlusten, durchzukämpfen und gegen die wichtigsten Großmächte Europas zu behaupten, wodurch er seinen Staat diesen als mindestens ebenbürtig an die Seite stellte. Der endliche Erfolg in den schlesischen Kriegen ist ferner nicht nur für seine Zeit errungen worden, sondern von dauernden Auswirkungen gewesen: der äußere Erfolg, daß Schlesien nunmehr preußisch wurde, ist nicht der einzige; wichtiger und für die Geschichte der Folgezeit bestimmend ist der Eindruck, den der Krieg bei den verschiedenen Völkern Europas hinterließ: Frankreich, die bisher ruhmreiche und unbesiegliche Nation kat' exochèn [in Griech.], war vielfach, in manchen Schlachten, z.B. bei Roßbach, sogar schmählich, unterlegen, so daß seine Macht und besonders sein Einfluß auf die anderen Länder sehr sank, während Preußens Ansehen unaufhörlich stieg. Ja, die innere Wirkung des Krieges ging noch tiefer: auch auf literarischem und ästhetischem Gebiete ist’s mit dem bestimmenden Einfluß der Franzosen zuende, seit Lessings Schriften in den Geistern ihrer Leser Boden gefunden hatten. Das Lustspiel "Minna von Barnhelm" unseres Frühklassikers ist ganz unter dem Eindruck des großen Krieges geschrieben, so daß dieser mit als Hauptanlaß zur Entwicklung unserer klassischen Literatur zu gelten hat.
Die Verdienste Friedrichs im Kriege rechtfertigen also seinen Beinamen völlig. Nun hat er sich auch in seiner friedlichen Regierungszeit mancherlei auch für die Nachwelt wichtige Verdienste erworben, und zwar hauptsächlich auf dem Gebiete der Staatshaushaltung. Die durch den Krieg stark geschwächten Finanzen besserte er durch große Sparsamkeit auf. Den Binnenhandel begünstigte er sehr und suchte die Fabrikation im Lande durch Zölle gegen ausländische Konkurrenz zu schützen. Dadurch hat er die wirtschaftliche Einigung seines Gebiets, die schon der Große Kurfürst durchgeführt hatte, erneuert und erweitert und dadurch für die Folgezeit den Weg gewiesen. In kirchlichen Dingen führte er den Grundsatz völliger Toleranz durch, dem man bis heute treu geblieben ist.
Dieser Zug seiner Gesinnung führt uns auf eine Betrachtung der Persönlichkeit
Friedrichs II. Berechtigt sie dazu ihn den Großen zu nennen. Friedrich war nicht nur ein geistig interessierter Mensch, sondern war auch auf verschiedenen Gebieten des geistigen Lebens schöpferisch tätig: er war Dichter und Philosoph und als solcher mit Voltaire eng befreundet.

[Nicht in Reinschrift:]

Er schrieb über seinen 7 jg. Krieg ein gesch. Werk und hat sogar in einer kleinen Schrift De la Litérature Allemande die deutsche Litteratur zu kritisieren versucht und sie sehr hart beurteilt.
([gestrichen:] Desh. weil sie ihre besten Vertreter zu jener Zeit, Klopstock u. Lessing übergeht.)
Hat dies merkwürdige Buch den befruchtenden Einfluß seiner Kriege auf die L. zum Teil wieder aufgehoben, indem es die jungen Dichter entmutigte? Aber wer weiß, ob der König der deutschen Litt. irgendwodurch einen besseren Dienst vielleicht hätte leisten können als durch diesen Widerstand?
Jedenfalls gab sich der König in seinen Mußestunden seinen vielseitigen Interessen hin; in seinem Pflichtgefühl ließ er sich nie durch sie beirren. Seine seltene Arbeitskraft verließ ihn nie; für seinen Staat lebte und arbeitete er: das war ihm höchste Pflicht.
So steht Fr. II. als Mensch vor uns; in einem solchen Menschen liegt die Fähigkeit in jedem Berufe, den er sich wählen könnte, Vorzügliches zu leisten. Und damit darf die Geschichte auch die Persönlichkeit Fr. II groß nennen.
Wenn die Gesch. so durch verstandesmäßige Erwägung zu dem Schlusse kommt: "ein Herrscher verdient diesen Beinamen, oder nicht", so hat sie an dieser Feststellung zunächst ein rein-wissenschaftl. Interesse. Das Ganze aber dient auch noch einem anderen Zwecke: Begeisterung zu erwecken für die wirklich Großen der Vergangenheit. Denn welchen besseren Weg zu einer großen Zukunft sollte es geben als die lebendige, als Motiv zum Handeln wirksame Erinnerung an die Größen der Vergangenheit.

[Lehrerbeurteilung:]
Döhmann hat seine Arbeit in der Reinschrift nicht vollendet, doch ist das fehlende Stück aus dem Konzept zu ersehen. Die Arbeit zeugt von eindringendem Verständnis der Geschichte und der Fähigkeit, einen bekannten Stoff klar und in guter Form darzustellen. Sie ist deshalb als

Gut zu bezeichnen und entspricht damit den Klassenleistungen. 17. II. 11 Hartmann

(Die relativ wenigen Korrekturen und Anmerkungen des Lehrers sind in der Transliteration des Aufsatzes weggelassen worden.)

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