Gymnasium Arnoldinum  
 
Startseite   /   Impressum   /   Kontakt   /   Sitemap   /   Links   /   Disclaimer   /  
 







 
 

Abituraufsatz Deutsch von Richard Huelsenbeck

Burgsteinfurt 6. II. 1911
Hülsenbeck

Mit welchem Rechte hat die Geschichte Friedrich II. den Großen genannt?

Plan.
A. Einl.
Wem erteilt die Geschichte den Beinamen der Große?

B. Hauptt. Mit welchem Rechte hat die Geschichte Friedrich II. den Großen genannt?
I. Wegen seiner erfolgreichen Betätigung auf kriegerischem Gebiete;
a.) Die schlesischen Kriege, ihre Vorraussetzungen und Folgen,
b.) Der siebenjährige Krieg und seine Folgen
II. Wegen seiner erfolgreichen Betätigung auf volkswirtschaftlichem und geistigem
Gebiete:
a.) Der "roi des gueux",
b.) Die Verwertung des Adels im Staate,
c.) Handel und Industrie,
d.) Religion, Kunst und Wissenschaft.
C. Schluß.
Friedrich II., ein deutscher Held


Ausführung.

A. Die Geschichte ist mit dem Beinamen "der Große" äußerst sparsam gewesen und hat ihn sogar Herrschern verweigert, die ihn scheinbar mit Recht verdienen. Warum das? Dieser Ehrentitel muß also von bestimmten Eigenschaften des betreffenden Mannes abhängig sein. Betrachten wir nur die Träger des Namens genau, so finden wir, daß sich alle das ,epitheton ornans’ durch eine doppelte Tätigkeit verdient haben. Einmal verstanden sie es, den Feind zu demütigen und die Grenzen des Vaterlandes zu erweitern und dann sind sie Förderer des geistigen und sozialen Lebens in ihrem Staate gewesen und haben dadurch erreicht, daß die äußere Machtstellung des Volkes der inneren Kraft und dem Können auf geistigen Gebieten äquivalent war. Alexander der Große dehnte Makedonien über die ganze damals bekannte Welt bis hin zum Hydaspes aus und schuf durch die Verquickung orientalischen und griechischen Geistes den Hellenismus, die innere Einheit und das Band, das die vielen nach Sitte und Anschauung verschiedenen Völkerschaften des eroberten Gebietes umschloß. Ferner Konstantin "der Große, der Schutzherr des Christentums, Karl der Große, der große Kurfürst – überall dasselbe Bild: Reckennaturen mit starkem Arm und tiefem Verständnis für das Wohl und Wehe ihres Volkes.
B. Den zeitlich letzten dieser Genien hat das an großen Männern so reiche Geschlecht der Hohenzollern hervorgebracht. Friedrich besaß die genannten Eigenschaften ebenfalls im reichen Maße, und er trägt darum mit Recht den Beinamen ‚der Große‘.
I. Nach beiden Richtungen, sowohl in politischer, kriegerischer Hinsicht als auch in sozialer trat Friedrich allerdings das große Erbe seines Vaters Friedrich Wilhelm an, aber er verstand mit diesem Pfund so zu wuchern, wie nie einer vor ihm.
Ein Reich wie Preußen, das sich durch die Tüchtigkeit seiner Regenten auffallend schnell entwickelt hatte, konnte nur durch erfolgreiche Kriege vor den zahlreichen Neidern seine Existenzberechtigung beweisen. Friedrich II. war der Mann dazu, diese Notwendigkeit einzusehen. Er wußte, daß nur das Heer einen Ausweg schaffen konnte. Wie später bei Bismark, so war auch sein Evangelium "Blut und Eisen". – Dann mochte er auch aus der Geschichte die Notwendigkeit kennengelernt haben. Preußen sah sich in derselben Lage wie Schweden unter Karl X.
Wenn Friedrich sich nach dem Gegner umsah, so mußte naturgemäß sein Auge zuerst auf Österreich fallen. Es gab damals schon in Deutschland den Dualismus einer protestantischen Macht, die sich in Preußen verkörperte, und einer katholischen Macht: Österreich.
Gekämpft wurde um den Besitz Schlesiens, d.h. um die alten Herzogtümer Liegnitz, Brieg und Breslau, die nach dem Aussterben der Regenten an Preußen fallen sollten. Österreich unter Maria Theresia konnte eine Machtvergrößerung naturgemäß nicht billigen. Nach den beiden schlesischen Kriegen, nach Mollwitz, Chotusitz und Hohenfriedberg gab sich Östereich noch nicht verloren. Das Gefühl seiner alten Kaiserherrlichkeit und seiner Kraft drangen auf Fortsetzung.
So kam es zum siebenjährigen Kriege. Fast ganz Europa außer England hatte sich gegen das kleine Preußen verbunden. Allen war es eine Genugtuung, ihm etwas am Zeuge zu flicken. In Rußland regierte Elisabeth, die Friedrich persönlich haßte. Frankreich begrüßte die Gelegenheit sich der linksrheinischen Besitzungen Preußens zu bemächtigen mit Freude. Sie sollten sich täuschen! Gott sei Dank! Wir hätten heute kein einiges Deutschland, wenn Friedrich damals unterlegen wäre. Sein Scharfblick, seine Ausdauer, seine im Notfall bis zur Tollkühnheit gehende Tapferkeit ließen ihn schließlich siegen. Ein Glück war es, daß auch fast alle seine Generäle von demselben Geist wie er beseelt waren. Den Österreichern dagegen hat vielleicht gerade die Unfähigkeit der Führer die endgültige Niederlage gebracht. Der Friede von Hubertusburg machte dem harten Strauß ein willkommenes Ende. Preußens Großmacht stand da, fast wie ein ,rocher de bronce’.
Sehr überzeugend hatte diese Wahrheit Frankreich durch die Schlacht bei Roßbach getroffen. Auch Rußland konnte manches Stücklein von friderizianischer Klugheit singen und hielt sich von nun an in respektvoller Reserve.
Mit dem siebenjährigen Kriege war Friedrichs politische Tätigkeit im Großen beendet. Später ging von ihm noch der Gedanke einer Teilung Polens aus, die sein Haus um ein nicht unbedeutendes Gebiet vermehrte.
II. Sein Hauptinteresse jedoch wandte er von nun an den internen Angelegenheiten zu. Was während der Kriege hier versäumt war, sollte jetzt nachgeholt werden. So kam es, daß er sich zu erst mit dem Bauernstand, der Klasse der weniger Bemittelten beschäftigte, die im Kriege durch Plünderung und Verwüstung am meisten gelitten hatten. Er selbst nannte sich den "roi des gueux". Die Leibeigenschaft sollte "ohne Räsonnieren" abgeschafft werden. Er verbot das Bauernlegen, d.h. die widerrechtliche Aneignung von bäurischem Grundbesitz. Freilich konnten diese Neuerungen nur langsam den alten Zustand verdrängen.
Der Adel hatte es bis jetzt für selbstverständlich befunden, daß der Bauer ein untergeordnetes Individuum sei. Danach handelte er und zog den Armen aus, wo immer es sich machen ließ. Wollte einer heiraten, mußte er zahlen, wollte einer den Hof des Vaters übernehmen, mußte er zahlen u.s.f. Solche eingewurzelten Unsitten ließen sich nicht so schnell beseitigen. Friedrich machte den Anfang dazu.
Andererseits wußte er in den Adligen die Edelsten der Nation zu schätzen, einem Stand, wovon der Kern gut sei. Höhere Stellen und Ehrenämter konnten nur von ihnen bekleidet werden. So gelang es Friedrich z.B. den Offiziersstand im Ansehen über alle anderen zu erheben, eine Erscheinung, die sich teilweise bis auf den heutigen Tag erhalten hat.
Mit der Wohlfahrt der einzelnen Stände, wußte er das ganze Land zu heben und dadurch das obengenannte Gleichgewicht zu erreichen. Schon der große Kurfürst glaubte, daß des Landes Wohlfahrt in der Blüte seines Handels bestand (Merkantilsystem). Auch Friedrich war ganz von diesem Gedanken erfüllt. Zur Förderung des Handels legte er den Finow= und den Netzekanal an. Ferner ordnete er das Zollwesen und führte die Kontribution und in den Städten die Accise ein. Unter seiner Regierung blühte zuerst der Bergbau. So scheint es uns nicht wunderbar, daß der Staatsschatz nach seinem Tode 55 Mill. Mark barg.
Einen socialen Fortschritt suchte Friedrich ferner durch ein ordentliches Rechtswesen zu erreichen. Die Tortur hatte er schon 1740 abgeschafft. Von seinen Juristen ließ er eine allgemeine Straf= und Prozeßordnung ausarbeiten, die aber erst nach seinem Tode vollendet und von seinem Nachfolger herausgegeben worden ist. Wie ernst Friedrich es selbst nahm, geht aus der bekannten Episode des Müllers von Sanssouci hervor.
In religiösen Dingen dagegen war er zum Glück des Landes gleichgültig. "Alle Religionen müssen toleriert werden" hat er gesagt. Klassisch geworden ist sein Ausspruch: "Bei mir kann jeder nach seiner Facon seelig werden."
Am meisten hätte man eigentlich von Friedrich seiner ganzen Anlage nach in der Kunst und in der Wissenschaft erwarten sollen. Aber er sah ein, daß die junge Großmacht ihr Augenmerk zuerst auf wichtigere Dinge richten mußte. Trotzdem baute er mehrere Schlösser und hat ohne sein Zutun ungeheueren Einfluß auf die Dichter und Denker seiner Zeit gehabt. Er und seine Taten wurden nach Goethe "der Gehalt" der deutschen Nationallitteratur.

C. So war Friedrich wie keiner geeignet, den Namen des Großen zu tragen. In ihm vereinigte sich die Lauterkeit des Charakters und die Sittenreinheit des alten Germanen mit der Pflichttreue des preußischen Beamten und der Tapferkeit des preußischen Offiziers zu einem leuchtenden Vorbild. Wohin sein Fuß trat und seine Hand griff, überall wurde dem Gegenstand seiner Tätigkeit der Stempel des Großen aufgedrückt. – Und die Größe Friedrichs II. war keine gemachte Größe, die mit dem Beifall der Zeitgenossen zusammensinkt. Sie kam aus seinem Inneren, sie war sein Genie, seine Betätigung. Zu ihr wird man unter Verehrung aufblicken, so lange Preußen und das deutsche Reich besteht. Friedrich konnte sich sagen:
Es wird die Spur von meinen
Erdentagen
Nicht in Äonen untergehn.

[Lehrerbeurteilung:]

Hülsenbeck hat die Frage des Themas ohne vorherige Untersuchung der
Voraussetzungen gleich an dem Falle Friedrichs II zu beantworten gesucht. Er hat
damit geschickt die Gefahr einer Wiederholung vermieden ohne doch weniger
sorgfältig auf die Vorbedingungen zur Erteilung des Namens "der Große"
einzugehen. Die Darstellung ist geschickt und verrät eindringende Kenntnis der
Geschichte. Die Arbeit ist den Klassenleistungen entsprechend
Gut.
16. II. 11. Hartmann.

[Die relativ wenigen Korrekturen und Anmerkungen des Lehrers sind in der Transliteration des Aufsatzes weggelassen worden.]


zurück zur Übersicht Huelsenbeck und Döhmann


 
 

Projekte am
Gymnasium Arnoldinum:

Europaschule NRW  
  Logo Europaschule
Zertifikat Europaschule
weitere Infos unter:
Europaschulen NRW
 

SINUS NRW  
  Netzwerk SINUS NRW
Lernprozesse in Mathematik und den Naturwissenschaften
weitere Infos unter:
Netzwerk SINUS NRW
 

Lernpotenziale  
  Lernpotentiale
Lernpotenziale
weitere Infos unter:
Lernpotenziale
 

35. Bundeswettbewerb Informatik  
   

 
 
   powered by dev4u® - CMS